Eines der ungesundesten Gefühle, die ein allein erziehender Vater entwickeln kann, ist Groll. Wer seine Gedanken ständig um (vermeintlich) erlittenes Unrecht und die Übeltäterin kreisen lässt, seine Revanche plant oder immer wieder die schlimmsten Szenen der beendeten Beziehung rekapituliert, vergeudet gerade die Ressource, die bei allein erziehenden Vätern meist besonders knapp ist: Zeit.
Bis vor einiger Zeit machte sich dieses Phänomen bei mir immer dann bemerkbar, wenn etwas schief lief - das Auto streikte, der Hund krank wurde, die Spülmaschine den Geist aufgab oder ein Auftraggeber meine Rechnungen zu ignorieren schien. “Misery loves company”, weiß der Engländer, und getreu diesem Spruch treten derlei Ereignisse vorzugsweise im Rudel auf. Immer wenn das der Fall war, verfluchte ich im stillen meine Ex, die es sich meiner Ansicht nach gut gehen ließ, während ich mich für die einst gemeinsam gegründete Familie zerreißen musste.
Wie gesagt, bis vor einiger Zeit. Bis ich Bilanz zog und dabei gleich ein wenig über das Wesen der Zeit philosophierte. Denn genau genommen, habe ich genau so viel Zeit wie Madame Ex, und ich habe darüber hinaus eine Aufgabe, mit der ich diese Zeit füllen darf - eine Aufgabe, die unendlich sinnvoller ist als seine Zeit im Kino, im Fitness-Center, in Vereinen oder in der Theatergruppe zu verbringen. All das wäre bestenfalls eine unzureichende Ersatzbefriedigung dafür, meine Kinder auf den Weg ins Erwachsensein zu begleiten: Ich durfte die ersten Freundinnen meiner Jungs kennenlernen, und eventuell bald auch den ersten großen Schwarm meiner Tochter, ich darf mich darüber aufregen, wie die beiden Führerscheinneulinge meinen Wagen behandeln, bin in die Suche nach Ausbildungsplätzen, Zivildienststellen und Studienfächern eingebunden, und bin jederzeit als Rat- und mitunter auch Geldgeber gefragt.
Genau deshalb empfinde ich längst keinen Groll mehr - schon gar nicht, weil meine Ex angeblich “mehr Zeit” hat. Hat sie nicht: Für sie ist heute, genau wie für mich, der 29. Januar 2009, ihre Zeit ist genau so schnell vergangen wie meine. Sie hat ihre Zeit nur anders genutzt. Und dabei unendlich viel verpasst.
Nicht dass ich Mitleid mit ihr hätte: Es sind ihre Entscheidungen, die sie dahin geführt haben, wo sie heute ist. Aber Groll? Wenn ich ausnahmsweise mal ins Kino gehe, dann grolle ich ja auch nicht dem Typen, der eigentlich vor mir gesessen hätte, aber seine Eintrittskarte hat verfallen lassen. Im Gegenteil.




























Na, so weit bin ich offensichtlich noch nicht. Aber es beruhigt, wenn man weiss, dass der Groll sich irgendwann mal legen kann.
Eine Zeit lang sind negative Gefühle unvermeidlich, denke ich. Aber wenn du bedenkst, dass uns mit Glück 80 Jahre auf diesem Planeten geschenkt sind, die aus gerade einmal 29.200 Tagen und Nächten bestehen, dann wird dir schnell klar, dass jeder mit Groll verbrachte Tag einer zu viel ist. Zumal dein Groll ja schließlich dir Magengeschwüre macht, und nicht ihr.