Am Abend notiert Norbert in sein Tagebuch, das er Tanja eines Tages schenken will:
… war ich richtig stolz auf meine Konsequenz, trotz der schuldzuweisenden Blicke der wohlmeinenden Passanten. Das ist typisch für unsere Gesellschaft: Eine Frau, die ein heulendes Kind hinter sich her zieht, fällt nicht auf. Kinder weinen öfters mal, na und?
Bei mir als Mann dachten die Leute sicher gleich, dass ich Tanja verprügelt oder entführt hätte. Bei so was regen die sich auf. Wenn aber der liebe Nachbar seine Kinder massiv misshandelt, dann schauen sie betreten weg.
Mich nervt Tanjas Verhältnis zu ihren Spielsachen. Für mich als Kind waren Spielsachen etwas Besonderes. Vor allem meinen Teddy mochte ich sehr. Er war alt, verlor hier einen Arm und dort ein Bein, welche immer wieder angenäht wurden, und die Füllung quoll heraus. Aber er war mein Gefährte und in meiner Fantasie erlebten wir zwei viele Jahre lang die tollsten Abenteuer - bis unser Hund ihn völlig zerfetzte.
Bei Tanja ist das anders. Viele Spielsachen zu besitzen ist für sie alltäglich – und so geht sie auch mit ihnen um. Wenn man alles hat, schätzt man nichts mehr.
Zwei Tage nach dem Erlebnis mit Tanja in der Spielwarenabteilung klingelt es spät nachmittags an Norberts Haustür. Norbert öffnet seiner Mutter und Tanja stürmt in die Arme ihrer „Ooomiiie!!!“. Ein kurzer Griff in die mitgebrachte Tragetasche – und schon strahlen die Kinderaugen, als Tanja die Weltraum- Barbie mit fünf verschiedenen Outfits und sogar das Barbie- Mond- Mobil in den Armen hält.
Die Oma freut sich, weil sich Tanja freut, und spricht mit belegter Gönnerstimme:
„Die Barbie- Raumstation war leider momentan vergriffen. Ich habe sie bestellt. Die muss Dir der Papi noch holen, gell Tanja!“
Sofort nickt Tanja und hütet sich davor, ihren Papa hämisch anzugrinsen. Tanja umarmt die Oma und in Omis Augen glitzert es feucht.
Norbert lächelt sardonisch und macht gute Miene zum bösen Spiel. Na ja, böse ist es nicht wirklich. Omas sind halt so – und Enkelkinder auch. Natürlich wird er die Station abholen, aufbauen und ins Kinderzimmer hängen. Er weiß, wann er im Schachmatt steht. Genauso natürlich wird er die ganzen Teile eines Tages weiter verschenken, wenn Tanjas Interesse erlischt und sie partout etwas anderes haben will.
Was wird das neue Objekt der Begierde sein? Die neue Sado–Maso–Barbie oder gleich ein eigenes Reitpferd?
Mal sehen, was der Oma dann noch einfällt. Aber da gibt es ja auch noch den Opa …
Der Spruch stimmt: Eltern erziehen, Großeltern verziehen!




























