Alexanders Beitrag zur Verschleppung von Kindern durch die eigenen Eltern gibt sicher nicht nur Anlass zur Empörung über herzlose Eltern und zynische Richter, sondern auch zur Selbstreflexion. Wer dem anderen Elternteil das gemeinsame Kind entzieht, und damit auch seinem Kind eine wichtige Bezugsperson vorenthält, handelt nach juristischen Maßstäben unrecht. Aber er oder sie selbst dürfte das völlig anders sehen.
Wie weit würde ich gehen, um die physische oder seelische Gesundheit meiner Kinder zu schützen, wenn der andere Elternteil diese vermeintlich gefährdet? Würde ich mich nicht auch über richterliche Anordnungen hinweg setzen, vielleicht sogar samt Nachwuchs ins ferne Ausland absetzen? Verstehen wir uns nicht falsch: Ich will weder die Entführung von Abbas und Zaynab in den Irak, noch die Verschleppung von Luna nach Guatemala rechtfertigen oder gar gutheißen, und ich kann mir die Verzweiflung der um ihre Kinder gebrachten anderen Elternteile nicht einmal ansatzweise ausmalen. Was die entführenden Elternteile getan haben, war falsch. Aber ich bin sicher, dass auch diese - aus unserer Perspektive “bösen” - Eltern ihre Kinder lieben und davon überzeugt sind, so und nicht anders handeln zu müssen.
In diesem Zusammenhang geht mir ein schlimmer Tag von vor ein paar Jahren durch den Kopf, als meine Ex und ich (noch) eine Wohnung teilten, sie aber bereits eine ziemlich offen ausgelebte Außenbeziehung führte. Unsere Kinder gingen damals noch regelmäßig um acht Uhr ins Bett. An jenem Tag war Ex samt Flamme mit den Kindern in ein Spaßbad gefahren. Acht Uhr kam und ging, halb neun, neun, halb zehn (dass die Kinder mitten in der Woche so lang aufblieben, war bis zu diesem Zeitpunkt absolut tabu gewesen, und Ex pflegte in dieser Hinsicht grundsätzlich wesentlich strenger zu sein als ich). Also versuchte ich sie, oder alternativ “Flamme” auf dem Mobiltelefon zu erreichen - die eine Leitung war tot, auf der anderen konnte ich lediglich die Mobilbox erreichen. Als kurz vor elf immer noch keine Nachricht kam, war ich sicher, dass etwas nicht stimmte, setzte mich ins Auto und fuhr dorthin, wo ich sie vermutete - ich hoffte, sie samt den Kindern noch in der Wohnung ihrer Außenbeziehung anzutreffen, wo - so war ich damals überzeugt - sie Vorbereitungen für einen “Umzug” in ihre alte Heimat Österreich treffen würde.
Nun liegt Österreich innerhalb der EU, es gelten sehr ähnliche rechtsstaatliche Prinzipien wie in Deutschland, und sogar die Sprache ist (mehr oder weniger) Deutsch. Aber ich war damals entschlossen, es nicht so weit kommen zu lassen, und eine solche Reise notfalls mit aller dazu erforderlichen Gewalt zu verhindern.
Als ich dort ankam, war aber niemand zu Hause. Ich zog ernsthaft in Erwägung, eine Verfolgungsjagd über die Autobahn zu riskieren, gab den Gedanken aber auf, weil die Chancen, sie noch einzuholen, mit meinem klapprigen Chrysler Voyager bestenfalls minimal waren - falls ich sie überhaupt sehen würde.
Kurz nach halb zwölf fuhr ich deshalb nach Hause zurück, wo allerdings zu meiner riesigen Erleichterung Ex und die Kinder warteten. “Flamme” hatte sich im Spaßbad verletzt, und da war dann zunächst alles weitere zweitrangig gewesen. Die Nichtbeachtung meiner Handy-Anrufe sollte mir wohl zu verstehen geben “Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig”, die Kinder hatten ganz objektiv ihren Spaß gehabt, und von Entführung oder “Umzug” konnte überhaupt keine Rede sein. Meine Panik war absolut unbegründet gewesen.
So irrational meine damaligen Befürchtungen auch waren, für mich waren sie doch absolut real. Wenn eine Beziehung zerbricht, dann zerbricht wohl auch das Bild, das man von dem angehenden Ex-Partner hat, und die Risse füllt das Unterbewusstsein mit dem puren, reinen Bösen. So mag es vielleicht auch Lunas Mutter gehen, denn wer reißt ohne Not alle Wurzeln aus, verzichtet auf Familie, Freunde, Bekannte und flieht über Kontinente hinweg, wenn er nicht - ganz subjektiv - von der unbedingten Notwendigkeit überzeugt ist?!
Nun macht “Überzeugung” keine besseren Menschen. Die Azteken waren davon überzeugt, es sei notwendig, den Göttern Menschenopfer zu bringen - aber dass auch nach unseren Maßstäben böse Eltern sehr oft ihre Kinder lieben und meinen, in ihrem Sinne handeln, hilft vielleicht, wenn schon nicht ihr Handeln, dann doch ihre Absichten zu achten, und in einen, am Ende vielleicht sogar fruchtbaren, Dialog zu treten. Die Spanier und die Azteken sind nicht in einen solchen Dialog getreten. Auf die Resultate sind auch die Spanier nicht besonders stolz.



























