Entscheidungen…

zu treffen, so glaubte ich, wird mit zunehmendem Alter der Kinder einfacher. Wie sie ihr Zimmer einrichten, welchen Beruf sie ergreifen, ob sie den zivilen oder den Wehrdienst leisten, mit wem sie zusammen sind - all das bestimmen die Kinder früher oder später in weitem Rahmen selbst. Aber manchmal ist es eben doch Papa, der eine Entscheidung treffen muss. Eine schwere.

Der Gedanke, zunehmend nur noch für mich selbst die Verantwortung zu tragen, hat bei mir eigentlich nie die viel zitierte Wehmut ausgelöst. Ich freue mich, meinen inzwischen zu drei Vierteln erwachsenen Kindern eher als Berater denn als Boss zur Seite zu stehen, und sie ihre eigenen treffen zu lassen. Und so hat einer von meinen beiden ältesten unserer Familie kürzlich seine Verlobung kundgetan, der zweite hat seinen Zivildienst angetreten, der dritte sich entschieden, das Abitur zu machen und zu studieren, und Töchterchen steckt mit viel Elan in einer Ausbildung zur Optikerin - alle gehen sie ihren Weg, und nur wenn es etwas holprig wird, fragen sie mich um Rat (und ganz ab und zu auch um ein Darlehen).

Aber heute morgen, da musste ich entscheiden, und es ist mir unglaublich schwer gefallen, denn dadurch haben wir fünf einen treuen Freund verloren. Gestern nachmittag fing unser Baghira plötzlich an, in den höchsten Tönen zu jaulen, wälzte sich über den Boden und ruderte mit den Pfoten in der Luft. Mit drei Pfoten, um genau zu sein, denn sein linker Hinterlauf schien plötzlich bewegungslos, und schien die Quelle seiner Schmerzen zu sein. Eine eilige Fahrt führte uns von unserem Haustierarzt direkt in die nächste Tierklinik. Dort bekam er ein Schmerzmittel, wurde geröntgt, und musste schließlich die Nacht dort verbringen. Der diagnostizierte einen Thrombus, ein verstopftes Blutgefäß, das den Blutfluß in den Hinterlauf massiv behinderte. Mit Hilfe von Infusionen hätte die Verstopfung gelöst werden sollen, doch heute morgen hatte sich ein Zustand nicht im mindesten gebessert. Die Chancen, mit einer Amputation sein Leben zu retten, seien gering, sagte mir der Arzt, von der Lebensqualität, die unserem dann bliebe, ganz abgesehen. “Ich würde dazu raten, ihn zu erlösen”, sagte er, und fügte hinzu “aber es ist ganz allein Ihre Entscheidung.” Ich nahm mir eine Stunde Zeit für diese Entscheidung, aber eigentlich wusste ich sofort, wie ich mich entscheiden würde - ich habe wohl gehofft, es würde, wie in tausenden unsäglicher Spielfilme, in letzter Sekunde eine Art Wunder geschehen, aber dieses Mal waren wir im falschen Film. Und deshalb ist Baghira jetzt nicht mehr bei uns.

Der , heißt es, sei der beste Freund des Menschen. Ich möchte ungern eine Rangliste meiner Freunde aufstellen, aber Baghira wäre auf jeden Fall mit auf den vorderen Plätzen gewesen. Er hat seit deren Vorschulalter mit meinen Kindern gespielt, hat unseren kleinen Garten gegen Dobermänner verteidigt und dafür gesorgt, dass bei Wind und Wetter immer mindestens einer von uns an die frische Luft kam. Er hatte ein sensibles Gespür für unsere Launen und Stimmungen, wusste, wann er mit uns spielen konnte, wann er uns zu Streicheleinheiten auffordern konnte, und wann er uns besser in Ruhe ließ.

Klar, er hatte auch seine Macken: Er war ganz und gar nicht das, was Jäger unter “schussfest” verstehen - einmal versetzte ihn die Sylvesterknallerei derart in Angst und Schrecken, dass er den unteren Geschirrkorb aus der offen stehen gebliebenen Spülmaschine zog, um sich dann selbst in diesem “Schutzraum” zu verstecken. Und einmal rammte er aus vollem Lauf das (stehende) Auto unseres Nachbarn, weil er gerade mit Augen und Gedanken ganz woanders war.

Aber vor allem war er den Kindern ein guter Freund: Er holte Stöckchen, er stöberte sie beim Versteckspiel auf, er zog ihre Schlitten und manchmal auch ihre Skateboards. Freilich war es nicht gerade hygienisch, wenn er ihnen, wenn sie einmal heulten, durchs Gesicht schleckte, aber nichts, was ihre Mutter oder ich hätten tun können, hat den Schmerz jemals so schnell verscheucht, wie Baghira es konnte.

All das ging mir in dieser Stunde durch den Kopf, und wer jetzt sagt “Es ist doch nur ein ”, der hat wohl selbst nie einen gehabt. Zumindest nie einen wie Baghira.

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Über den Autor
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Dirk Bongardt ist alleinerziehender Vater im siebten Jahr. Seine Kinder sind - zumindest, wenn es nach ihnen selbst geht - keine mehr: Die beiden Zwillinge werden in diesem Jahr 20, Sohn Nummer Drei immerhin 18, und das Töchterchen 16 Jahre alt. Der Journalist ist in Väterkreisen durch sein Buch "Senza Una Donna - das Survival-Handbuch für allein erziehende Väter" bekannt.


2 Kommentare

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  1. Mein herzliches Beileid, Dirk!

    Ich kann nachvollziehen, was dieser Verlust in Deiner Familie bedeutet - ich habe es selbst im Kindesalter erlebt. Unsere Bessy musste ebenfalls eingeschläfert werden, da war ich acht Jahre alt. Ich hatte einen ganzen Tag Zeit, mich von ihr zu verabschieden. Und ich möchte bis heute nicht mit meinem Vater tauschen, der damals die schwere Bürde zu tragen hatte, die Du heute tragen musstest.

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  1. Familienzuwachs: Das Getrappel (ganz) kleiner Füßchen…

    Wenn der Nachwuchs das fortgeschrittene Teenager-Alter erreicht, kann sich auch ein alleinerziehender Vater nicht mehr sicher sein, dass sich seine Familie nicht urplötzlich vergrößert. Meine Kleine hatte mich zwar schon eine Weile darauf vo…

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